Freitag, 6. September 2013

So lässt sich die Welt eher nicht retten

Ich gebe es zu, ich habe heute die Tageszeitung "Die Welt" gekauft. 2,10 Euro, ganz schön teuer. Aber die zugleich erworbene Cars-Zeitschrift für meinen Sohn kostet mit 3,99 fast doppelt soviel.
Warum ich mir die Welt geleistet habe? Nun, ich hatte mitbekommen, dass die heute was mit Augmented Reality machen. Und das interessierte mich - wie damals die 3D-BILD-Zeitung.
Und wie damals bin ich einfach nur enttäuscht.

Seit heute soll sich mit einem Smartphone oder Tablet-PC also mehr aus der Welt rausholen lassen. Zusatzinformationen, Videos, 3D-Grafiken und und und...
Toll, denke ich. Also - schnell wie auf Seite 1 beschrieben - die App "Die Welt" runterladen (gibt es für Apple und Android). Alles idiotensicher erklärt, schon mal gut. Und dann? App starten, auf das Kamera-Symbol in der App drücken. Durch die Zeitung blättern - und immer wenn das Kamera-Symbol auftaucht, draufhalten mit dem Smartphone. 

Fängt ja gut an


Im Café draußen keine Chance, alles zu wacklig und windig. Stell mir grade vor, wie man das in der U-Bahn machen soll... Geschenkt. Zu Hause dann geht es richtig los. 
Auf Seite 1 begrüßt mich der Chefredakteur im Video. Hier der Vorher-Nachher-Vergleich - zur Verdeutlichung. Das ist also Augmented Reality (AR). Muss an meinen Artikel in der Computerbild über AR denken, den ich gefühlt vor dem Krieg (also vor rund 2,5 Jahren) schrieb.

Es geht um die Welt in 20 Jahren...

... und offenbar wird man dann vom Chefredakteur begrüßt.

Ganz witzig, aber vom Hocker reißt mich das nicht. Unten ein Abtörner: Wenn ich zehn Beiträge mit AR-Extra angeschaut habe, könne ich an einem Gewinnspiel teilnehmen. 

Schon auf Seite 5 das Highlight. Per AR kann man die Bundeskanzlerin künstlich altern lassen. Selten so gelacht, Bild kommt trotzdem: (Warum nun hier 2038 und nicht 2033 steht - schließlich geht es um die Welt in 20 Jahren - weiß die Redaktion vermutlich auch nicht).


Wo bleibt der berühmte Mehrwert?

Ich kämpfe mich durchs Blatt. Ja, ich wusste, dass auch die Werbung AR-tauglich sein wird. Doch gegen Ende habe ich das Gefühl, dass es nur noch Werbung ist. Also fange ich an zu zählen, halte ja nicht viel von so gefühlten Zahlen. Und siehe da: 13 Anzeigen mit AR - und damit fast alle. Bei den redaktionellen Elementen komme ich mit großem Wohlwollen auch in diese Größenordnung, aber auch nur, weil im Abschnitt "Management und Karriere" gleich ACHT Macher von morgen vorgestellt werden. Die gibt es im Foto und umfangreichen Texten. Das AR-Element sind hier kurze Videos der Beteiligten - gäähn.

Ansonsten: ein 3D-Modell des Berliner Stadtschlosses, eine 3D-Grafik, ein Musikvideo und ein rund vier Minuten langes Interview-Video mit einem Soziologen. 
Das ist, mit allem Respekt (und ich stehe ja immer noch auf der Gehaltsliste der AG, in der auch die Welt erscheint), viel zu wenig oder besser, nahezu nichts. 

Vielleicht hoffen die Macher mit diesem medienwirksamen Versuch (Meedia spricht - aus mir nicht verständlichen Gründen - von einem gelungenen Experiment) ja auch nur, dass jetzt wenigstens einige die App "Die Welt" auf dem Smartphone oder Tablet weiter nutzen. So schlecht ist die nämlich nicht. 





1 Kommentar:

Rainer Claaßen hat gesagt…

Mal abgesehen davon, dass einige der Pilot-Beispiele etwas an den Haaren herbeigezogen sind, kann ich mir auch nicht vorstellen, wie sich der Aufwand auf Dauer rechnen soll - zumindest wenn man das mit vergleichbarem Aufwand macht, wie bei diesem ersten Versuch.

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